Ein Spiel mit der Zukunft Prompten statt Pauken
In den KI-Workshops von Schloss Elmau lernen Kinder, mit künstlicher Intelligenz Geschichten, Bilder, Musik und kleine Programme zu entwickeln. Victor Reisenauer von TUM.ai erklärt, warum Kinder oft unbefangener lernen als Erwachsene und weshalb der kritische Blick auf KI früh beginnen muss.
Quelle: Victor Reisenauer
KI Experte und Workshopleiter Victor Reisenauer
Schloss Elmau: Victor, wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen TUM.ai und Schloss Elmau?
Victor Reisenauer: Am Anfang stand eine gemeinsame Überzeugung: Kinder sollten künstliche Intelligenz nicht erst als abstraktes Zukunftsthema kennenlernen, sondern früh, spielerisch und kreativ mit ihr in Berührung kommen. Es geht darum, ihnen nicht nur zu erklären, was KI ist, sondern ihnen die Möglichkeit zu geben, selbst damit zu experimentieren. Schloss Elmau ist dafür ein besonderer Ort, weil hier Lernen, Neugier und Kreativität auf sehr natürliche Weise zusammenkommen.
Woher kommt deine eigene Begeisterung für künstliche Intelligenz?
Mein erstes KI-Projekt habe ich noch während meiner Schulzeit umgesetzt, damals in Namibia. Wir haben auf einem Wildschutzreservat mithilfe von Drohnenbildern Tierzählungen durchgeführt. Für mich war das ein Schlüsselerlebnis. Ich habe zum ersten Mal unmittelbar gesehen, welches Potenzial in dieser Technologie steckt nicht als abstraktes Versprechen, sondern ganz konkret. Diese frühe Erfahrung hat mich geprägt. Und genau darum geht es auch in Schloss Elmau: Kindern einen Zugang zu ermöglichen, bevor KI für sie nur ein Schul-, Berufs- oder Angstthema wird. An deutschen Schulen wird KI bislang nicht so selbstverständlich vermittelt wie Lesen oder Schreiben. Dabei wird der kompetente Umgang damit in den kommenden Jahren ähnlich grundlegend werden.
Was genau ist TUM.ai?
TUM.ai ist eine gemeinnützige studentische Organisation, die 2019 an der Technischen Universität München gegründet wurde, also noch vor dem großen ChatGPT-Hype. Entstanden ist sie aus der Faszination für generative KI, aus ersten Experimenten, Hackathons und der Lust, diese Technologie gemeinsam zu erkunden. Inzwischen ist daraus eine der größten studentischen KI-Initiativen in Deutschland und Zentraleuropa geworden.
Was passiert konkret in den KI-Workshops in Schloss Elmau?
Die Workshops laufen von Montag bis Freitag und tragen den Titel „Kreativ mit KI“. Im Mittelpunkt steht zunächst nicht die Theorie, sondern die Faszination. Kinder lernen besonders gut, wenn sie neugierig sind, wenn sie etwas ausprobieren, verwerfen, verändern und neu zusammensetzen können.
Sie schreiben Kurzgeschichten, generieren Musik, Bilder oder Videos, programmieren kleine Spiele oder Webseiten mithilfe von KI. Die Inhalte werden je nach Alter unterschiedlich aufbereitet. Ein achtjähriges Kind braucht einen anderen Zugang als ein Jugendlicher, der vielleicht schon an Bewerbung oder spätere Berufsfelder denkt.
Schloss Elmau Tal
Quelle: Timo Maier
Arbeiten die Kinder dabei mit verschiedenen KI-Systemen?
Ja. Wir nutzen vor allem ein Tool, das verschiedene Sprachmodelle bündelt, etwa Modelle von OpenAI, Google oder Anthropic. Dadurch erleben die Kinder unmittelbar, dass KI nicht gleich KI ist. Ein Modell ist vielleicht besonders stark in der Bilderkennung, ein anderes besser bei komplexeren Denkaufgaben. Uns ist wichtig, dass die Kinder nicht einfach lernen, ein bestimmtes Tool zu bedienen. Sie sollen ein Gefühl dafür entwickeln, welche Technologie für welche Aufgabe geeignet ist und wo ihre Grenzen liegen. Die Plattformen bieten dabei einen datensicheren Zugang zu den Sprachmodellen.
Was sollen die Kinder nach diesen fünf Tagen mitnehmen?
Im besten Fall gehen sie begeistert nach Hause und haben keine Scheu mehr vor dieser Technologie. Besonders schön ist es, wenn Eltern anschließend sagen: „Was mein Kind da gelernt hat, hätte ich selbst nicht geschafft.“ Dann merken wir, dass echte Kompetenz entstanden ist. Aber Begeisterung allein reicht nicht. Es geht immer auch um einen sicheren und verantwortungsvollen Umgang. Die Kinder sollen verstehen, wo KI helfen kann, aber auch, wo Fehler, Vorurteile oder Risiken entstehen. Genau diese Verbindung aus Neugier und kritischem Bewusstsein ist entscheidend.
Das heißt, ihr sprecht auch über Gefahren und gesellschaftliche Folgen von KI?
Absolut. Das lässt sich sehr gut mit dem kreativen Arbeiten verbinden. Ein einfaches Beispiel: Wenn Kinder ein Sprachmodell mehrmals fragen, wann Schloss Elmau erbaut wurde, können leicht unterschiedliche Antworten entstehen. Daran kann man erklären, dass solche Modelle nicht wie ein Lexikon funktionieren, sondern Wahrscheinlichkeiten berechnen. Und dass sie deshalb auch halluzinieren können. Auch Vorurteile werden schnell sichtbar. In einem Kurs haben Kinder Bilder von sich selbst in ihrem späteren Beruf generiert. Ein Mädchen mit kurzen Haaren wurde dabei mehrfach als Junge dargestellt. Das war ein sehr anschaulicher Moment: KI kann gesellschaftliche Stereotype reproduzieren. Solche Erfahrungen sind wichtig, weil Kinder dadurch begreifen, dass KI nicht neutral ist. Man muss ihre Ergebnisse prüfen und einordnen.
Wie entstehen solche Vorurteile in KI-Modellen?
Das ist eine der großen Herausforderungen und ein sehr aktives Forschungsfeld. KI-Modelle werden mit Daten trainiert, in denen bereits gesellschaftliche Vorurteile enthalten sind. Wenn historische Daten bestimmte Berufsrollen überwiegend männlich zeigen, kann ein Modell diese Muster übernehmen. Deshalb arbeiten Forschung und Unternehmen daran, Trainingsdaten ausgewogener zu gestalten und Sicherheitsmechanismen einzubauen. Ganz gelöst ist das Problem aber nicht. Umso wichtiger ist es, schon Kindern und Jugendlichen zu vermitteln: KI-Ergebnisse sind nicht automatisch richtig, objektiv oder gerecht.
Quelle: Victor Reisenauer
Creative with AI | jede Woche von Juli bis 6 November 2026
Gerade in sozialen Medien wird es immer schwieriger, echte und KI-generierte Inhalte zu unterscheiden. Greift ihr das in den Workshops auch auf?
Ja, das ist ein wichtiger Bestandteil. Wir machen Übungen, bei denen Kinder zwei Bilder vergleichen und entscheiden sollen, welches echt und welches KI-generiert ist. Dabei merken sie sehr schnell: So einfach ist das nicht mehr. Oft lässt es sich kaum zuverlässig unterscheiden. Gerade deshalb wird Transparenz so wichtig. KI-generierte Bilder und Videos können in sozialen Medien sehr schnell zur Manipulation beitragen oder Fake News verstärken. Kinder sollten früh lernen, Bilder, Videos und Texte nicht einfach ungeprüft für wahr zu halten.
Was fasziniert dich persönlich an künstlicher Intelligenz?
Mich fasziniert vor allem, dass die KI Menschen von Aufgaben entlasten kann, die wenig kreativ sind. Ein großer Teil unseres Arbeitsalltags besteht aus E-Mails, Dokumenten, Informationssuche und kleinteiligen Routinen. Das ist oft notwendig, aber nicht unbedingt wertschöpfend. KI kann helfen, Raum für das zu schaffen, was Menschen besonders gut können: denken, gestalten, verbinden, Neues schaffen. Darin liegt für mich das große Potenzial. Nicht darin, den Menschen zu ersetzen, sondern ihn von Tätigkeiten zu befreien, die seine eigentlichen Fähigkeiten oft eher blockieren.
Welche Rolle spielt die Kennzeichnung von KI-Inhalten?
Für Unternehmen und Organisationen wird das ein zentrales Thema. Es geht um Transparenz und Verantwortung: Wann wurde KI eingesetzt? Was muss gekennzeichnet werden? Was kommuniziert man nach außen? Unternehmen müssen sich schon jetzt fragen, welche Haltung sie einnehmen wollen und wie sie KI verantwortungsvoll einsetzen.
Was würdest du jungen Menschen, Studierenden oder Eltern raten, die verstehen wollen, welche Rolle KI künftig in ihrem Leben spielen wird?
Der wichtigste Schritt ist, sich zu erlauben, KI erst einmal spielerisch zu entdecken. Das gilt für Kinder genauso wie für Studierende, Eltern oder Geschäftsführer. Man muss nicht sofort den perfekten Anwendungsfall finden und auch nicht alles gleich bewerten. Wer neugierig ausprobiert, versteht sehr schnell, welche Möglichkeiten in KI liegen und wo ihre Grenzen sind. Erst durch diese eigene Erfahrung kann man wirklich einschätzen, welche Rolle künstliche Intelligenz im eigenen Leben spielen wird.
Zur Person
Victor Reisenauer ist bei TUM.ai engagiert und forscht an der KI Adaption im deutschen Mittelstand. Darüber hinaus ist er selbst KI-Unternehmer. Sein Unternehmen mitarbyte GmbH begleitet vor allem Firmen aus der Immobilienbranche: Von der Strategie über die technische Umsetzung bis hin zu Compliance-Fragen. Sein Anspruch: KI-Transformation soll in deutschen Unternehmen besser gelingen als vielerorts die Digitalisierung. Auf Youtube teilt er wöchentlich seine Erkenntnisse zur KI Transformation in deutschen KMU.