Flüssige Inspiration

Wie die Al Camino Bar auf Schloss Elmau die klassische American Bar neu erfindet

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Es gibt Hotelbars, die auf Effekte setzen. Auf Lautstärke, Spektakel, auf jene kalkulierte Internationalität, die in Singapur, London oder Dubai gleich aussieht und ähnlich schmeckt. Und es gibt Orte wie die Al Camino Bar in Schloss Elmau, die sich jeder schnellen Kategorisierung entziehen. Hier geht es nicht um Inszenierung um ihrer selbst willen, sondern um Atmosphäre – um jene selten gewordene Kunst, Gästen das Gefühl zu geben, nicht in einer Hotelbar, sondern im privaten Salon eines kultivierten Gastgebers angekommen zu sein.

„Das Wohnzimmer von Schloss Elmau“, nennt Daniel, Bar- und Loungechef des Hauses, seinen Wirkungsort. Ein Satz, der zunächst beiläufig klingt und doch das Wesen dieses Ortes präzise beschreibt. Edle Sessel gruppieren sich um den offenen Kamin, ein Konzertflügel steht für Jazzklänge mittig im Raum und Gespräche, die ineinanderfließen. Die Bar wirkt nicht wie ein Bühnenbild luxuriöser Gastlichkeit – sie ist gelebte Gastlichkeit.

Dass ausgerechnet hier die klassische American Bar eine alpine Neuinterpretation erfährt, erscheint nur auf den ersten Blick überraschend. Bayern, sagt Daniel, sei schließlich das „Schottland Deutschlands“. Tatsächlich scheint die Verbindung aus Berglandschaft, Destillationskultur und Sinn für Ritual wie geschaffen für eine Barkultur, die sich gleichermaßen der Tradition verpflichtet fühlt und dennoch offen für Gegenwart bleibt.

Source: Thomas Straub


Die Al Camino Bar denkt Klassiker nicht als museale Objekte, sondern als lebendige Erzählungen. Der Manhattan wird mit schottischem Single Malt statt Rye gebaut, der Boulevardier in einer marokkanischen Teekanne serviert, um dem Drink durch zusätzliche Belüftung mehr Weichheit zu verleihen. Selbst der Bourbon Sour erhält mit Ahornsirup einen beinahe nordamerikanischen Akzent, ohne jemals beliebig zu wirken. Hier wird nicht dekonstruiert, sondern weitergeschrieben.

Im Zentrum steht Whiskey – amerikanischer Bourbon ebenso wie torfige Single Malts oder seltene Destillate von Slyrs, Edelbrände von Rochlét und Lantenhammer. Gerade diese regionale Verwurzelung unterscheidet die Bar von vielen ihrer urbanen Pendants. Die Zutaten erzählen von der Umgebung: Honig aus Schloss Elmau, alpine Kräuter, saisonale Aromen. Die Karte wechselt im Rhythmus der Jahreszeiten, ohne modischen Reflexen hinterherzulaufen. Stattdessen entsteht etwas Seltenes: ein lokales Selbstverständnis innerhalb einer internationalen Barkultur.

Bemerkenswert ist dabei, wie selbstverständlich die Bar aktuelle Entwicklungen integriert. Während vielerorts alkoholfreie Drinks noch immer wie moralische Kompromisse behandelt werden, begegnet man ihnen in Elmau mit derselben Ernsthaftigkeit wie einem gereiften Scotch. Mocktails auf Basis alkoholfreier Spirituosen, Kräutersirupe und frischer Botanicals zeigen, dass „Drunkless Drinking“ längst kein Verzichtsprogramm mehr ist, sondern eine eigene sensorische Kategorie. Der „Mountain Mosquito“ mit Salbei, Minze und Zitrus besitzt jene aromatische Präzision, die man sonst eher von einer Küche als von einer Bar erwartet.

Al Camino Bar

Source: Fridolin Felix Full

Überhaupt erinnert die Arbeit hinter dem Tresen hier stärker an Haute Cuisine als an klassisches Bartending. Der „Green Wood“, einer der Signature Drinks des Hauses, verbindet Highland Park, Enzianlikör, geklärten Grapefruitsaft, Holunder und Elmauer Honig zu einem Cocktail, der rauchige Tiefe, florale Frische und alpine Bitterkeit erstaunlich fein austariert. Man versteht schnell, warum Daniel den Drink als Hommage an die bayerische Berglandschaft begreift: Er besitzt etwas Kühles, Klares, beinahe Meditatives.

Und doch ist es nicht die technische Raffinesse allein, die den Ort prägt. Entscheidend ist die Haltung dahinter. „Den Gast persönlich begrüßen und persönlich verabschieden“, beschreibt Daniel seine Vorstellung von Gastfreundschaft. Dieser Satz klingt altmodisch – und gerade deshalb radikal. In einer Zeit, in der Luxushotellerie häufig auf Effizienz und Standardisierung setzt, kultiviert die Al Camino Bar Aufmerksamkeit als eigentliche Form des Luxus.

Dazu gehört auch das Element Feuer. Der Kamin ist nicht Dekoration, sondern Zentrum des Raumes. Seine Pflege sei essenziell für die Atmosphäre, erzählt Daniel. Während Pianisten Bekanntes und Jazzimprovisationen spielen, entsteht jene schwer definierbare Mischung aus Intimität und Weltläufigkeit, die große Hotelbars seit jeher ausgezeichnet hat – als würde man von der Connaught Bar in London, über The Ritz Bar in Paris bis hin zur BKK Social Club im Four Seasons in Bangkok rauf einmal eisen. Schloss Elmau fügt dieser Tradition eine alpine Variante hinzu: weniger urban, weniger laut, dafür wärmer, kontemplativer, fast literarisch. Die Al Camino Bar ist deshalb weit mehr als ein stilvoller Ort für einen Digestif nach dem Dinner. Sie ist ein Gegenentwurf zur Eventisierung moderner Barkultur – ein Raum, in dem Zeit langsamer vergeht, Gespräche länger dauern und Cocktails wieder jene kulturelle Tiefe erhalten, die ihnen oft verloren gegangen ist. Oder anders gesagt: eine große Bar im besten, klassischen Sinn.

Source: Thomas Straub

Rezepte zum Nachmachen

Damit Sie die Elmauer Barkultur zu Hause erleben können, verrät Daniel zwei seiner Lieblingsrezepte. Beide sind an klassische Vorbilder angelehnt und lassen sich mit wenigen Zutaten umsetzen.

Klassischer Manhattan (Elmau Style)
Zutaten:
· 6 cl Rye Whiskey (Knob Creek)
· 2 cl roter Vermouth (Belsazar Rot)
· 2 Dashes Aromatic Bitters aus dem Hause
The Bitter Truth
· Orangenschale
Zubereitung:
· Alle Zutaten auf Eis in einem Rührglas kräftig verrühren.
· In ein vorgekühltes Cocktailglas abseihen.
· Mit einer gedrehten Orangenschale parfümieren und garnieren.
Dieser Drink ist ein zeitloser Klassiker – er zeigt, wie wenig es braucht, um große Aromen harmonisch zu verbinden.

„Green Wood“ – Signature Cocktail der Bar
Zutaten:
· 5 cl Highland Park 12 Jahre Single Malt Scotch
· 2 cl Avèze Gentianlikör
· 2 cl geklärter Grapefruitsaft
· 1 cl Holundersirup aus regionaler Produktion (z. B. Rochlét)
· 1 cl Honig aus Schloss Elmau
· 1 cl frisch gepresster Zitronensaft
 Zubereitung:
· Alle Zutaten auf Eis kräftig shaken.
· Durch ein feines Sieb in einen kleinen Tumbler mit einem klaren Eiscube gießen.
· Mit einer Grapefruitzeste garnieren.

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