„Neugier ist vielleicht die wesentliche Form von Longevity“
Longevity-Experte Nils Behrens über Schlaf, soziale Nähe und die große Sehnsucht nach einem langen Leben
Quelle: Nils Behrens
Longevity Experte Nils Behrens
Schloss Elmau: Herr Behrens, Ihr Spiegel Bestseller Buch „Spaziergang zur Unsterblichkeit“ beginnt mit dem Satz: „Ich hasse Longevity.“ Das überrascht ein wenig. Warum dieser Einstieg?
Nils Behrens: Natürlich ist das auch eine kleine Provokation. Aber nur eine kleine (lacht. )Ich finde den Begriff „Longevity“ oft missverständlich, weil die meisten Menschen ja nicht einfach nur länger leben wollen. Niemand möchte möglichst viele Jahre mit Krankheit oder Einschränkungen verbringen. Eigentlich geht es darum, länger gesund zu leben.Wir unterscheiden heute zwischen Lifespan und Healthspan. Die Lifespan beschreibt schlicht die Lebensdauer — also das, was auf dem Grabstein steht: Geburts- und Sterbedatum. Die Healthspan dagegen beschreibt die Zeit, in der wir gesund und frei von altersbedingten Erkrankungen leben. Und genau diese Zeit verlängert sich bislang nicht im gleichen Maße wie die reine Lebensdauer. Deshalb sage ich: Es bringt wenig, einfach nur länger zu leben. Entscheidend ist, wie wir leben.
Was bedeutet das konkret im Alltag?
Longevity klingt oft wie ein Apfelbaum, den man heute pflanzt, um irgendwann in zwanzig Jahren die Früchte zu ernten. Aber darum geht es nicht. Es geht darum, Dinge zu tun, die heute Lebensqualität schaffen — und langfristig die Gesundheit erhalten. Als Beispiel: Ich war heute Mittag beim Sport — und fühle mich danach besser. Ich habe anschließend ein gesundes Protein-Porridge gegessen — und auch das gibt mir direkt ein besseres Gefühl, im Vergleich zu einer Currywurst.
Trotzdem fällt es vielen schwer, gesunde Gewohnheiten dauerhaft beizubehalten. Warum?
Weil Menschen selten ihr Verhalten ändern, solange sie den Sinn dahinter nicht verstehen. Wenn ich einfach nur sage: „Sport ist gesund“ oder „gesunde Ernährung ist wichtig“, dann wissen das natürlich alle. Aber das allein verändert wenig. Ich versuche deshalb, Dinge in einen anderen Kontext zu setzen. Schlaf zum Beispiel nenne ich gerne „Reparatur“. Denn genau das passiert dort. Wenn jemand sagt: „Ich priorisiere meinen Schlaf nicht“, klingt das fast noch heroisch — nach dem Motto: Schlafen kann ich, wenn ich tot bin. Wenn man aber versteht, dass der Körper in dieser Zeit repariert wird, bekommt das Ganze eine andere Bedeutung.
Schloss Elmau Tal
Quelle: Timo Maier
Sie sprechen häufig über Schlafqualität. Warum ist sie so entscheidend?
Weil das Gehirn nur im Tiefschlaf entgiften kann. In dieser Phase schrumpft das Gehirn tatsächlich leicht und schafft dadurch Raum, um Stoffwechselprodukte abzuleiten. Unter anderem Amyloid-Beta, das stark mit Alzheimer in Verbindung gebracht wird. Deshalb reicht es eben nicht, einfach nur acht Stunden zu schlafen. Entscheidend ist die Qualität des Schlafs. Alkohol, spätes Koffein, Stress, intensiver Sport am Abend oder zu viel Licht können den Tiefschlaf massiv beeinträchtigen. Viele Menschen merken das gar nicht, weil sie weder Einschlaf- noch Durchschlafprobleme haben. Über ihre tatsächliche Schlafqualität wissen die wenigsten Bescheid.
Ein weiteres großes Thema in Ihrem Buch sind soziale Beziehungen.
Ja, weil wir soziale Wesen sind. Es gibt ein grausames historisches Experiment Friedrichs des Großen: Er ließ Waisenkinder zwar versorgen, gab ihnen Nahrung und Pflege aber keinen körperlichen Kontakt, keine Nähe, keine Sprache. Alle Kinder starben. Das zeigt, wie essenziell Nähe für uns ist. Oxytocin, das bei Umarmungen ausgeschüttet wird, spielt dabei eine enorme Rolle. Man braucht ungefähr dreißig Sekunden eine Umarmung oder sieben Sekunden lange Küsse, um eine spürbare Oxytocin-Ausschüttung zu erreichen. Gerade ältere Menschen leiden oft darunter, da ihnen diese Nähe fehlt.
Einsamkeit gilt mittlerweile sogar als Gesundheitsrisiko.
Absolut. Studien zeigen, dass Einsamkeit ungefähr so ungesund ist wie fünfzehn Zigaretten am Tag. Aber selbst wenn man diese Zahl nicht kennt, versteht man intuitiv, was passiert: Wenn niemand da ist, für den man morgens aufsteht, verliert vieles an Bedeutung. Menschen kümmern sich schlechter um ihre Ernährung, bewegen sich weniger und verlieren oft auch die Motivation, gut für sich selbst zu sorgen. Deshalb sage ich immer: Man sollte in die drei Fs investieren: Familie, Freunde und Fremde. Letzteres bedeutet: offen bleiben für neue Menschen und Begegnungen.
Viele verbinden Longevity heute mit Hightech, Supplements und teuren Behandlungen. Ist gesundes Altern ein Luxus?
Nein, überhaupt nicht. Ich würde sagen: Achtzig Prozent dessen, was wirklich relevant ist, kostet fast nichts. Sport, Schlaf, Atmung, soziale Kontakte – all das ist grundsätzlich zugänglich. Die teuren zwanzig Prozent sind dann Biohacks, Treatments oder spezielle Supplements. Aber viele Menschen fokussieren sich genau auf diese zwanzig Prozent, weil sie einfacher erscheinen. Dabei braucht es oft viel weniger, als man denkt. Für Bewegung reichen gute Laufschuhe. Ernährung muss nicht kompliziert sein. Tiefkühlgemüse kann sogar sinnvoller und günstiger sein als manches frische Produkt.
Quelle: Leopold Fiala
Konzertsaal, Hideaway
In Schloss Elmau verstehen wir Longevity weniger als Biohacking-Trend, sondern vielmehr als eine Frage des Mindsets. Wie wichtig sind dabei klassische Musik und Tanzen – also Food for thought?
Die mentale Gesundheit ist ein enorm wichtiger Faktor und alles, was uns emotional guttut, hat letztlich auch einen positiven Einfluss auf unsere Gesundheit. Dabei geht es nicht nur um klassische Entspannung, sondern auch darum, das Gehirn zu fordern und neugierig zu bleiben. Man weiß inzwischen zum Beispiel, dass Tanzen eine sehr positive Wirkung auf das Gehirn haben kann. Walzer tanzen etwa verbindet Bewegung, Koordination und Rhythmus. Das fordert den Kopf enorm. Ein Neurologe hat mir einmal gesagt, dass schon zwanzig Schritte rückwärts laufen pro Tag eine gute Übung fürs Gehirn seien, weil wir dadurch gewohnte Bewegungsmuster verlassen. Alles, was das Gehirn fordert, wirkt letztlich protektiv.
Welche Rolle spielen Entzündungen beim Altern?
Entzündungen sind tatsächlich einer der Hauptgründe dafür, warum wir altern. Sie spielen eine enorme Rolle und die werden vor allem von zwei Faktoren beeinflusst: Ernährung und Stress. Wie wir uns ernähren ist aber nichts Starres. Selbst wenn man gestern dreimal „falsch“ abgebogen ist, hat man heute wieder die Möglichkeit, eine andere Entscheidung zu treffen. Genau darin liegt die große Chance.
Warum fasziniert uns die Idee, länger zu leben, eigentlich so sehr?
Der Wunsch nach einem langen Leben oder sogar nach Unsterblichkeit ist wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. Schon im Mittelalter haben Menschen versucht, mit irgendwelchen Tinkturen das Altern aufzuhalten. Neu ist allerdings, dass wir heute zum ersten Mal wirklich verstehen, warum wir altern. Es gibt mittlerweile die sogenannten „Hallmarks of Aging“ — zwölf biologische Mechanismen, die den Alterungsprozess erklären sollen. Ein spannendes Beispiel dafür sind die sogenannten Seneszenten Zellen, oft auch „Zombiezellen“ genannt. Ich erkläre das gerne mit einem Supermarktparkplatz: Normalerweise kommen und gehen Zellen ständig — wie Autos, die kurz parken und wieder verschwinden. Die seneszenten Zellen dagegen bleiben einfach stehen, obwohl sie ihre Aufgabe längst erfüllt haben. Sie blockieren Parkplätze und geben zusätzlich noch Stoffe ab, die Entzündungen fördern können. Heute forscht man intensiv daran, diese Zellen gezielt abzubauen — etwa mit sogenannten Senolytika. Gleichzeitig weiß man aber, dass diese Zellen offenbar nicht nur Nachteile haben. Sie können zum Beispiel auch verhindern, dass sich Krebszellen unkontrolliert ausbreiten. Und genau das macht das Thema Longevity so spannend: Wir verstehen immer mehr über den menschlichen Körper — merken aber gleichzeitig, wie komplex Altern tatsächlich ist.
Was würden Sie sagen: Was ist die wichtigste Haltung hinter all dem?
Neugier. Ganz eindeutig. Kinder sind von Natur aus neugierig und irgendwann wird ihnen das oft abtrainiert. Dabei ist genau diese Offenheit für Neues etwas unglaublich Gesundes. Menschen, die neugierig bleiben, bleiben meist auch geistig lebendig. Vielleicht ist das am Ende die eigentliche Form von Longevity: nicht möglichst lange zu leben — sondern möglichst lange offen, interessiert und verbunden mit dem Leben zu bleiben.