Romantisches Klavierfestival in Schloss Elmau

Ich bin in Bayern und höre Leif Ove Andsnes und Grigory Sokolov. Bitte kneift mich.

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Quelle: privat

Journalistin Jessica Duchen mit Grigory Sokolov

Es könnte schlimmer sein. Ich weiß, es ist heiß, aber, liebe Freunde, ich schreibe euch heute aus den Bayerischen Alpen. Genauer gesagt von einem überdachten Balkon mit Blick auf das Panorama des Wettersteingebirges und die weitläufigen Rasenflächen, die mit zinnoberroten Sonnenschirmen übersät sind. Ich habe kaiserlich gefrühstückt und mehr außergewöhnliches Klavierspiel genossen, als man in einem Zeitraum von 36 Stunden überhaupt hören dürfen sollte – und das jeweils bis gegen Mitternacht. Willkommen auf Schloss Elmau.

Dieser deutsche Hotel-Cousin des Verbier Festivals bietet, mit den zusätzlichen Vorzügen von Luxus-Spas und fünf Swimmingpools, das ganze Jahr über ein hochkarätiges Musikprogramm. Wir sind mitten in einem Festival gelandet, das sich intensiv den Romantikern widmet, und konnten am Freitag Leif Ove Andsnes und gestern Abend den einzigartigen Grigory Sokolov erleben. Es war schade, das Rezital der 19-jährigen russischen Pianistin Alexandra Dovgan (die übrigens inzwischen in Spanien lebt) einen Tag zuvor verpasst zu haben; unsere Hotel-Mitgäste überschlagen sich förmlich in Superlativen, wenn sie von ihr berichten. Der Konzertsaal von Elmau, der Mitte des letzten Jahrhunderts erbaut wurde, ist klein genug, um intim zu wirken, aber groß genug, um den Klang wunderbar um die Holzbalken herum resonieren zu lassen – eine Mischung vielleicht aus der Londoner Conway Hall und Dartington. Der dortige Steinway klingt himmlisch.

Man kann sich kaum zwei unterschiedlichere Pianisten vorstellen. Andsnes ist wohl einer der beliebtesten, und das aus vielen guten Gründen. Er ist in gewisser Weise der Musiker von nebenan, der Nahbare, der Menschlichste, Bodenständigste und absolut Vernünftige. Er ist der Künstler als Freund, als Wegweiser und als das beste eigene Alter Ego. Seine Romantiker waren Schumann – die selten zu hörenden vier Stücke Op. 32 – und Chopin, vier ausgewählte Mazurken und die 24 Préludes.

Quelle: Julia Wesely

26 Juni | Klavierrezital mit Leif Ove Andsnes 

Sein Rhythmusgefühl ist unwiderstehlich – die Mazurken und seine Tarantella-Zugabe wirkten fast wie choreografiert, selbst ohne die Tänze, die Michail Fokin und Jerome Robbins einst für zwei von ihnen kreierten – und die Préludes zeigten Chopin von seiner modernsten, fast an die Nouvelle Vague erinnernden Seite. Ein leuchtender Diskant ließ oft an jene Belcanto-Freiheit denken, die Chopin so sehr liebte, und die sprechende, überzeugende Phrasierung wurde durch eine grollende und explosive Virtuosität ausgeglichen, die uns an die unzähligen Charaktere erinnert, die in diesen bisweilen aphoristischen Traumgesichten erfunden wurden.

Ich fragte mich unwillkürlich, warum Chopin sich für diese Tonart-Abfolge entschieden hat – den Quintenzirkel der Dur-Tonarten, durchsetzt mit den jeweiligen parallelen Moll-Tonarten – anstatt Bachs langsamem, aber stetigem Aufstieg in der chromatischen Tonleiter zu folgen. Vielleicht geschah dies für maximalen Kontrast, so wie die Stücke selbst diesen durch ihren jeweiligen Charakter erzeugen; die Tonartwechsel verstärken diesen Effekt bei jeder Wendung.

Muss ich Grigory Sokolov überhaupt noch vorstellen? Ich bezweifle es; er ist eine lebende Legende. Er gewann den Tschaikowsky-Wettbewerb im Alter von nur 16 Jahren und blieb viele Jahre in der UdSSR. Als sich die Grenzen öffneten, entdeckte der Westen, dass er der engste Nachfolger seines Mentors und Förderers Emil Gilels war, obwohl sie sich in ihrer musikalischen Persönlichkeit stark unterscheiden.

Auf seinem Programm standen Beethovens Es-Dur-Sonate Op. 7 und die Bagatellen Op. 126 sowie Schuberts B-Dur-Sonate. Er ist jedoch dafür bekannt, nun ja, großzügig mit seinen Zugaben zu sein. Er begann um etwa 21:00 Uhr und hörte erst kurz vor Mitternacht auf. Heute Morgen bin ich immer noch ganz benommen.

Quelle: Egbert Krupp

27 Juni | Klavierabend mit Grigory Sokolov

Jeder Vergleich ist ungerecht, und es soll dem bezaubernden Andsnes nichts weggenommen werden, wenn man sagt, dass Sokolov nicht der Pianist von nebenan ist. Er ist auch kein König und kein verkleideter Engel. Auf der Bühne kann er in seinem Frack, mit den Liszt-artigen Haaren und ohne den Hauch eines Lächelns eine strenge Präsenz ausstrahlen. Aus der fünften Reihe wirkt er wie ein Riese, obwohl er es nicht ist, wenn man neben ihm steht (die Freunde von Myra Hess sagten dies übrigens auch über sie, was faszinierend ist). Die Bedingungen gestern Abend waren zudem alles andere als ideal: Eine extreme Hitzewelle, ein vollbesetzter Saal mit hohen Temperaturen und übermäßiger Luftfeuchtigkeit hätten selbst den besten Flügeln zugesetzt; um diese Aufgabe habe ich ihn nicht beneidet.

Das vielleicht Berührendste an seinem Spiel ist, dass er eine titanische Kraft und eine unfehlbare, unerschütterliche Technik in der Hinterhand hält, ein echtes Fortissimo aber nur dann entfesselt, wenn es absolut notwendig ist. Wenn es dann passiert, hat der Klang die Dimensionen des Wettersteins, bleibt dabei aber warm, resonant und seidig. Die meiste Zeit über bevorzugte er bei Beethoven und Schubert eine Palette leiser, eindringlicher Dynamik mit dem Legato eines erstklassigen Liedsängers. Er hütet jede Note wie einen seltenen Saphir.

Der Pedaleinsatz ist oft spärlich, aber immer klug gewählt; die Texturen sind ausnahmslos klar, und die Stimmenführung ist mit subtiler und nanometergenauer Präzision geschichtet und ausbalanciert. Seine Tempi sind oft langsamer als die anderer Pianisten, aber man hört alles – jede emotionale Wendung in einer harmonischen Rückung oder jede Bedeutungsnuance in Passagen, die für andere nur Laufwerk oder flüchtige Verzierung wären.

Ihm entgeht nichts, und er spielt nicht nur so, als ob sein Leben davon abhinge; er bringt auch den Zuhörer dazu, so zuzuhören, als ob das eigene Leben auf dem Spiel stünde. Zu einem Sokolov-Rezital geht man, um aktiv zuzuhören. Man ist hier kein Musikkonsument: Man muss Teil des Gesamterlebnisses sein.

Man mag Beethovens Op. 7 vielleicht schon schneller gehört haben, aber wohl kaum schöner. Bei den Bagatellen Op. 126 entstand der Eindruck einer so tiefen Identifikation mit der Musik, dass man – wenn man die Augen schloss – sich Beethoven selbst dort oben vorstellen konnte, wie er für uns spielte. Schuberts B-Dur-Sonate D 960 ist ein seltsames Stück für eine Hitzewelle – zumindest für mich, weil ich sie mit Schnee verbinde. Ich erinnere mich daran, wie ich nach dieser Sonate die Konzertsäle verließ und die Welt draußen weiß, zugedeckt und still vorfand: Schiff in der Wigmore Hall, Uchida im Musikverein in Wien, und die Liste ließe sich fortsetzen. Heute jedoch ist es dunkelgrüne Hitzewellen-Musik mit Donnergrollen in der Ferne.

Konzertsaal Schloss Elmau

Quelle: Leopold Fiala

Sokolov förderte Elemente zutage, die ich trotz lebenslanger Vertrautheit mit diesem Werk noch nie zuvor so gehört habe, die aber nicht treffender sein könnten. Wir sehen Schubert oft als jemanden, der mit außergewöhnlicher Intensität lebte, mit einem ungefilterten Bewusstsein für das Wunder des Lebens, der Liebe und der Natur, aber auch im Bewusstsein, dass seine Krankheit ihn in seiner Jugend jäh aus dem Leben reißen könnte. Selten jedoch traten diese Qualitäten von roher Schönheit und unermesslichem Schmerz so deutlich hervor.

Sechs Zugaben, so sagen Kenner, sind das Minimum, das man von Sokolov erwarten kann. Und es waren tatsächlich sechs: Brahms’ Balladen Op. 10 Nr. 1 und 3, die Rhapsodie Op. 79 Nr. 2, zwei Chopin-Mazurken und eine von Skrjabin. Der Wechsel des Anschlags vom wuchtigen, glänzenden Gold des Brahms zur Bergsee-Klarheit des Chopin war hypnotisierend. Die Ballade Op. 10 Nr. 1 war jedoch die eigentliche Offenbarung.

Dieses Stück basiert auf der alten schottischen Ballade „Edward, Edward“. Viele Pianisten spielen es so, als ob sie die Geschichte nicht kennen würden – eine entsetzliche, schaurige Tragödie. Ich empfehle jedem, der sie nicht kennt, sie nachzuschlagen. Sokolov schien jede Wendung dieser Erzählung zu kennen, und die Musik gewann an Intensität und einer Wucht, die ebenso erschütternd sein konnte wie das Original. Ich wüsste zu gerne, warum Brahms sie ausgewählt hat. Eigentlich war er nicht dafür bekannt, Programmmusik zu schreiben.

Sokolov gibt leider keine Interviews. Ich habe es versucht. Nicht, dass ich es ihm verüble; er hat das Format, die Entschlossenheit und die Ehrlichkeit, einfach das zu tun, was ihm gefällt. Er spricht durch die Musik und braucht niemanden wie mich, der um ihn herumschwirrt und um ein Wort bettelt. Persönlich ist er dennoch überaus charmant (wir haben uns gerade beim Frühstück von ihm verabschiedet). Anscheinend war mein Interview mit ihm in Barcelona im Jahr 2006 eines seiner letzten.

Heute müssen wir weiterreisen. Aber es gibt noch mehr zu entdecken von dem, was ich hier gelernt habe. Bleiben Sie dran.

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